FAQ

Jugendarbeitslosigkeit und Lehrstellenmangel

Stand: 8.5.2020
Verfasst von den Bundesjugendsekretären Philipp Ovszenik (ÖGB), Christian Hoffmann (GPA-djp), Stefan Laufenböck (PRO-GE) und Daniel Waidinger (younion)

Jugendarbeitslosigkeit als Spezialfall der Arbeitslosigkeit wird oft gesondert betrachtet, da die Höhe der Jugendarbeitslosigkeitsquote in vielen Ländern von der allgemeinen Arbeitslosigkeitsquote (nach oben) abweicht. Die Gründe und Ursachen der Jugendarbeitslosigkeit unterscheiden sich von denen der älteren Arbeitslosen. Daher benötigt es abweichende Maßnahmen zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit gegenüber der allgemeinen Arbeitslosigkeit. Die Auswirkungen von Jugendarbeitslosigkeit werden tendenziell als gravierender empfunden, und daher muss sie von der Österreichischen Gewerkschaftsjugend aus sozialen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Gründen mit aller Kraft verhindert werden. Das Dokument soll einen Überblick zum Thema Jugendarbeitslosigkeit und sinkendes Lehrstellenangebot verschaffen.

Wie hoch ist die Jugendarbeitslosigkeit aktuell?

Laut den aktuellen Zahlen des AMS liegt die Zahl der unter 25-Jährigen, welche sich als arbeitslos gemeldet haben, bei 61.216. Das entspricht einer absoluten Steigerung zum Vorjahr von 31.952 Jugendlichen. Vergleicht man die Zahl der Arbeitslosen unter 25-Jährigen aus April 2020 mit April 2019, so hat sich die Jugendarbeitslosigkeit in diesem Zeitraum mehr als verdoppelt (+109,2 Prozent im Jahresvergleich). Die Arbeitslosenquote Jugendlichen unter 25 Jahre liegt derzeit bei 9,3 Prozent (März 2020).
Die Anzahl der Jugendlichen, die derzeit an einer Schulung des AMS teilnehmen, beläuft sich auf 22.568. Das bedeutet, dass 83.784 Jugendliche unter 25 Jahren derzeit ohne Arbeit sind.

Jugendarbeitslosigkeit geht uns alle an: „Generation Corona“?

In Österreich lag die Jugendarbeitslosigkeit in den 1990er-Jahren bei circa 5,0 Prozent. In den 20 Jahren des 21. Jahrhunderts stieg dieser Wert auf 9 bis 11 Prozent an. Die Wahrscheinlichkeit, als junger Mensch arbeitslos zu werden, ist somit seit den 1990er- Jahren deutlich gestiegen und hat sich fast verdoppelt.

Wie wirkt sich die Wirtschaftskrise auf das Lehrstellenangebot aus?

In einer wirtschaftlichen Krise überlegt sich jedes Unternehmen, ob und wie viele Lehrlinge es aufnehmen soll. Tendenziell ist davon auszugehen, dass Betriebe zurückhaltender bei der Aufnahme von Lehrlingen agieren werden. In den Jahren 2009/10 und 2013/14 ist die Wirtschaft geschrumpft bzw. kaum gewachsen. In dieser Zeit sind jeweils rund 5.000 Lehrstellen weggefallen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet angesichts der Corona-Pandemie in Österreich 2020 einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 7,0 Prozent. Damit wäre das Wachstum der vergangenen zwei Jahre vernichtet und das BIP auf dem Stand von 2017. Die Corona-Krise droht zur schlimmsten Wirtschaftskrise in der Geschichte der 2. Republik zu werden.
Laut einer Prognose der Johannes Kepler Universität Linz (JKU) wird erwartet, dass heuer rund 7.500 Lehrstellen fehlen könnten. Vor allem die coronabedingte Krise im Tourismus wirke sich sehr negativ auf den Lehrstellenmarkt aus.
Als Gewerkschaftsjugend gehen wir nun davon aus, dass in dieser wirtschaftlichen Ausnahmesituation auch die Anzahl der Lehrstellen stark schwinden wird. Es kann angenommen werden, dass bis zu 10.000 Lehrstellen in der Folge von Corona wegbrechen werden (das sind rund 10 Prozent aller Lehrstellen).

Wie sieht das Verhältnis zwischen Lehrstellenangebot und Lehrstellensuchenden aus?

Gab es im Februar 2020 noch mehr offene Lehrstellen als Lehrstellensuchende, hat sich die Situation bereits im März 2020 gedreht. Die Zahl der offenen Lehrstellen liegt derzeit bei 4.561, ein Rückgang zum Vorjahr um fast ein Viertel. Die Zahl der Lehrstellensuchenden hingegen liegt bei 8.366, d. h. die Zahl der Lehrstellensuchenden ist um mehr als die Hälfte gestiegen. Das bedeutet eine Lehrstellenlücke von insgesamt 3.805 Ausbildungsplätzen.

Warum ist die Gruppe der jungen Arbeitnehmerinnen stärker betroffen als andere Altersgruppen?

Ein oft zu beobachtendes Verhalten von Arbeitgeberinnen und Personalistinnen ist, wenn Personal abgebaut werden muss, dass zuerst die jungen Arbeitnehmerinnen (das sind jene, die typischerweise kürzer im Betrieb beschäftigt sind) betroffen sind. Dadurch werden junge Arbeitnehmer*innen meist schneller vom Arbeitsmarkt verdrängt. Die Jugend und die jungen Erwachsenen trifft die Coronakrise somit stärker.

Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit machen krank

2016 untersuchte die Universität Linz die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf junge Menschen. 2,7 Prozent der jungen Menschen, die eine Schule besuchen, eine Lehre absolvieren oder einen Arbeitsplatz haben, sind psychisch krank (z. B. leiden unter Depressionen). Mehr als doppelt so viele junge Menschen, die keinen Job oder Ausbildung haben (8,7 Prozent), leiden unter psychischen Erkrankungen. Für die erkrankten Jugendlichen bedeutet dies eine schlechtere Lebensqualität und für die Gesundheitssysteme eine massive Belastung, wenn schon junge Menschen unter psychischen Problemen leiden. Arbeitslosigkeit verdoppelt die Wahrscheinlichkeit, dass junge Menschen psychisch erkranken.

Mehr Infos zum Nachlesen findest du hier:

https://awblog.at/jugendarbeitslosigkeit-als-folge-oder-ursache-psychischer-be- eintraechtigungen/

https://www.derstandard.at/story/2000042911555/im-teufelskreis-der-arbeits- losigkeit

https://www.derstandard.at/story/2000011559179/arbeitslosigkeit-fuehrt-zu- mehr-suiziden

Warum Arbeitslosigkeit junger Menschen richtig teuer ist

Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass besonders die Altersgruppe, der unter 25-Jährigen unter den Folgen von Wirtschaftskrisen leidet. Junge Menschen, die infolge einer Wirtschaftskrise nicht in einem stabilen Ausbildungsverhältnis und/ oder in einem stabilen Arbeitsverhältnis sind, haben meist weniger Geld zur Verfügung. Das bedeutet aber auch weniger Einnahmen (Steuern) für den Staat und weniger Beiträge für die Sozialversicherungen.
Für Österreich wurden 2011 die Kosten der Arbeitslosigkeit junger Menschen für die gesamte Volkswirtschaft mit rund 3,2 Milliarden Euro berechnet (1,06 Prozent der Wirtschaftsleistung). Weniger Einkommen für die Betroffenen bedeutet mehr Ausgaben für die Arbeitslosenunterstützung und wiederum weniger Geld für den Konsum. Im Jahr 2011 waren nur knapp 8 von 100 Menschen unter 25 Jahren arbeitslos, 2020 sind knapp 12 von 100 arbeitslos, und ein weiterer Anstieg der jugendlichen Arbeitslosen ist zu erwarten. Junge Menschen mit stabilen Beschäftigungsverhältnissen verdienen 10 bis 20 Prozent mehr als gleichaltrige, die nach der Pflichtschule immer wieder arbeitslos waren. Dies hat Effekte auf ihr ganzes weiteres Leben (z. B. geringe Pensionen). Besonders wichtig ist hier die Lehrlingsausbildung. Ausbildungen senken die Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu werden. Wer jetzt in die Lehrlingsausbildung investiert, verhindert Tausende Sozialfälle in Zukunft.

Johann-Böhm-Platz 1
1020 Wien
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